Nemo Mettler aus Biel hat mit «The Code» einen der prägendsten Schweizer Popmomente der vergangenen Jahre geschaffen. Beim Eurovision Song Contest 2024 in Malmö gewann Nemo das Finale für die Schweiz und rückte damit eine vielseitige musikalische Laufbahn ins internationale Licht.
Vom musikalischen Talent aus Biel zur eigenen Stimme
Nemo wuchs in Biel auf, einer Stadt, in der die deutsch- und französischsprachige Schweiz eng aufeinandertreffen. Diese kulturelle Vielfalt bildet einen passenden Hintergrund für eine musikalische Entwicklung, die sich nicht auf ein einzelnes Genre beschränkt. Nemo arbeitet mit Stimme, Rap, Pop, klassischen Elementen und elektronischen Klangfarben.
Schon früh beschäftigte sich Nemo mit mehreren Instrumenten. Klavier, Violine und Schlagzeug wurden zu wichtigen Bestandteilen der musikalischen Ausbildung. Später kamen eigene Texte, Kompositionen und Auftritte hinzu. In der Schweizer Öffentlichkeit wurde Nemo zunächst vor allem durch Musik in deutscher Sprache und durch Auftritte in der Schweizer Rap- und Poplandschaft bekannt.
Diese frühen Erfahrungen prägten einen Stil, der zwischen erzählerischem Rap, melodischem Pop und anspruchsvollen Arrangements wechselt. Nemo nutzt die Stimme nicht nur für eine eingängige Melodie, sondern auch als rhythmisches und dramatisches Instrument.
«The Code» als musikalische Selbstbeschreibung
Der Titel «The Code» verbindet verschiedene musikalische Ebenen. Das Lied beginnt zurückhaltend, entwickelt sich über Rap- und Gesangspassagen und führt zu einem kraftvollen, orchestral wirkenden Höhepunkt. Der Wechsel zwischen Tempo, Tonlagen und Ausdruck macht den Titel ungewöhnlich anspruchsvoll für eine grosse Live-Bühne.
Inhaltlich beschreibt «The Code» einen persönlichen Weg aus Enge und Fremdbestimmung hin zu mehr Selbstverständnis. Nemo hat den Song als Ausdruck einer Befreiung von Erwartungen erklärt. Dabei steht nicht eine einzelne Lebensphase im Mittelpunkt, sondern die Erfahrung, die eigene Identität und den eigenen Weg selbst zu definieren.
Nemo bezeichnet sich öffentlich als nichtbinär. Die Sichtbarkeit dieser Selbstbezeichnung wurde zu einem wichtigen Teil der öffentlichen Wahrnehmung, ohne die musikalische Leistung auf eine Identitätsfrage zu reduzieren. Entscheidend ist die Verbindung aus persönlicher Aussage, Komposition und Bühnenpräsenz.
Der Eurovision-Abend in Malmö
Am 11. Mai 2024 trat Nemo im Finale des Eurovision Song Contest in Malmö für die Schweiz an. Die Darbietung von «The Code» verband akrobatische Bewegungen, wechselnde Gesangstechniken und eine auffällige Bühneninszenierung. Besonders die kreisförmige Plattform wurde zu einem sichtbaren Symbol der Performance.
Nemo erhielt die höchste Gesamtpunktzahl des Wettbewerbs und setzte sich damit gegen die Beiträge aus den übrigen Teilnehmerländern durch. Der Sieg war der erste Schweizer Erfolg seit dem Triumph von Céline Dion im Jahr 1988. Der erste Schweizer Sieg beim Eurovision Song Contest war 1956 durch Lys Assia erreicht worden.
Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses zerbrach die gläserne Trophäe während der Feierlichkeiten. Der Vorfall wurde rasch zu einem Bestandteil der Eurovision-Geschichte. Er änderte nichts am Ergebnis: Nemo blieb der siegreiche Act des Wettbewerbs 2024.
Bedeutung für die Schweizer Popkultur
Der Erfolg von «The Code» machte sichtbar, wie stark sich die Schweizer Musikszene in den vergangenen Jahren geöffnet hat. Nemo verband regionale Herkunft mit einer internationalen Popproduktion und blieb dabei als Künstlerpersönlichkeit erkennbar. Biel wurde in der Berichterstattung zu einem wichtigen Bezugspunkt der Geschichte.
Der Sieg zeigte ausserdem, dass eine Schweizer Eurovision-Teilnahme nicht auf ein traditionelles Popformat beschränkt sein muss. Rap, klassische Anklänge, elektronische Elemente und eine technisch anspruchsvolle Choreografie fanden in einem einzigen Beitrag zusammen. Diese Mischung sprach ein internationales Publikum an, ohne die Eigenheiten des Songs zu glätten.
Auch für die Darstellung nichtbinärer Menschen in der europäischen Popkultur war Nemos Auftritt bedeutsam. Die öffentliche Aufmerksamkeit führte zu Gesprächen über Identität, Sprache und Repräsentation. Dabei bleibt es wichtig, Nemo nicht auf eine Symbolrolle zu reduzieren: Im Zentrum des Eurovision-Erfolgs stand eine eigenständige musikalische Arbeit, die persönliche Themen mit hoher künstlerischer Präzision verband.
Ein nachhaltiger Schritt in der Karriere
Der Eurovision-Sieg war kein isolierter Moment, sondern der Höhepunkt einer Entwicklung, in der Nemo unterschiedliche musikalische Formen erprobte. Die internationale Bühne verstärkte die Wahrnehmung dieser Vielseitigkeit und eröffnete neue Möglichkeiten für Auftritte, Veröffentlichungen und Zusammenarbeit.
Für die Schweiz bleibt Nemo damit eine besondere Figur der jüngeren Popgeschichte: als Musiker*in aus Biel, als Gewinner*in des Eurovision Song Contest 2024 und als Künstler*in, die persönliche Selbstbestimmung mit einem gross angelegten Popauftritt verbunden hat. «The Code» steht zugleich für einen Wettbewerbssieg und für eine musikalische Sprache, die Grenzen zwischen Genres und Erwartungen überschreitet.



